Ghostwriter-Text, Auszug aus einem Sachbuch
... . Was hatten wir uns zuschulden kommen lassen? Außer dass wir einen Großkonzern herausgefordert hatten? Das war gar nicht unser Hauptmotiv. Was wir wollten, war viel einfacher. Wir wollten unsere Arbeit mit Freude machen und nicht in ein menschenverachtendes System gezwängt werden, ein System, das Lügen und Gier als Haupttreibstoff verwendet. Wir wollten ein Umfeld schaffen, wo wir unsere Stärken und diejenigen unserer Mitarbeiter voll entfalten konnten, einen Ort, wo alte, ehrliche Werte wie „hart arbeiten“ etwas zählten. Diesen Ort haben wir inzwischen. Aber der Weg dahin war geprägt von den folgenden Monaten, die nun in ihrer ganzen Unerbittlichkeit vor uns lagen. Heute sind wir da, wo wir hin wollten, wir haben uns von den Fesseln befreit, die man uns aufzwingen wollte. Wir haben Dreck gefressen und sind heute ehrlich genug um zuzugeben, dass wir das heutige Resultat nicht ohne diese schreckliche Zeit zwischen September 2007 und April 2008 erlangt hätten.
Hätten wir das Gleiche gemacht, wenn wir damals gewusst hätten, was auf uns zukommt? Ich sicher nicht. Zusammen mit meinen Söhnen und meiner Partnerin wäre ich nach Jamaika abgehauen. Zuerst hätte ich mir mein Rentengeld auszahlen lassen und davon hätte ich die restlichen Tage gelebt. Vielleicht hätte ich irgendwann eine Krabbencocktail-Bar oder einen Töffli-Verleih eröffnet und die Touristen ausgenommen.
Blödsinn.
Natürlich nicht. Ich wäre den gleichen Weg gegangen, im Nachhinein weiß ich natürlich, welche Fettnäpfchen oder Fallen ich ausgelassen hätte. Aber ja, ich hätte den gleichen Weg gemacht, denn er hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Noch ehrlicher zu mir selber, klarer gegenüber Dritten. Die Erfahrung, die ich gemacht habe, hätte mir weder ein Studium noch irgendein Master vermitteln können. Es gibt nämlich einen gewaltigen Unterschied zwischen etwas zu glauben und etwas zu wissen.
Ich habe damals sehr wohl geglaubt, dass es in unserer Geschäftswelt Halsabschneider und Lügner gibt. Begegnet war ich bis zu diesem Zeitpunkt nur ganz wenigen, und die waren eigentlich harmlos. Bis jetzt. Nun ging der Vorhang auf für die großen Schwätzer, willkommen ihr Pinocchios in Maßanzügen, Bühne frei für die Nihilisten und Superegoisten. Heute weiß ich, dass viele Scharlatane unter uns sind. Die Kunst ist, sie zu bemerken und zu ignorieren.
Es ist ungefähr so, als würden Sie von einem Hund attackiert werden. Die wirksamste Reaktion ist weder das Davonrennen noch die Offensive. Ignorieren Sie die Bestie. Die allermeisten verlieren daraufhin das Interesse an Ihnen. So mache ich das heute in meinem Leben. Geht mir jemand auf den Wecker oder will mir Energie abzapfen, dann ignoriere ich ihn. Eine schöne Metapher für jemanden, der in der Energiebranche tätig ist... .
***
... . Ich war mit meinen beiden Jungs unterwegs und tankte mein Auto an der Raststätte Kemptthal. Da schrie einer meiner Kinder plötzlich vom Rücksitz: „Papi, da ist ja der Kinderschänder!“ und zeigte mit dem Finger auf ein etwa zehn Meter entfernt stehendes Auto. Es war ein kleiner roter Fiat oder Peugeot und darin saß ein Typ, der glotzte zu mir und den Kindern rüber. Was sollte denn das bedeuten? Der Mann im roten, kleinen Auto kaute an irgendwas rum und ließ den Blick nicht von uns. Ich rief ihm zu und ging quer über den Parkplatz auf den Wagen zu. Der Typ kaute und glotzte weiter. Hoffentlich hatte ich ihn nicht verwechselt. Das wäre natürlich sehr peinlich. Vielleicht war alles doch bloß ein dummer Zufall? Aber es gab kein Zurück, schon stand ich vor dem Auto.
„Wer sind Sie, was wollen Sie von mir?“ herrschte ich den Kerl an, der inzwischen die Scheibe runtergelassen hatte. Ein Gemisch aus Schweiß, warmen Zwiebelgestank und Rauch dampfte aus dem Fenster, der Mann legte seinen Hamburger auf den Beifahrersitz, dabei kaute er aber wie eine Kuh auf der Weide weiter.
„Ich beobachte Sie“, sagte er kauend und stierte mich an.
„Sie machen was?“
„Ich - beobachte - Sie“, betonte der Mann gelangweilt.
„Und warum machen Sie das?“
„Weil ich einen Auftrag habe.“
„Von wem?“
„Das darf ich Ihnen nicht sagen.“
„Und wer sind Sie?“
„Das sage ich Ihnen auch nicht.“
„Haben Sie es auf meine Kinder abgesehen?“
Abrupt hörte der Typ auf zu kauen und schaute mich erschrocken an.
„Natürlich nicht.“
„Meine Jungs sagen, Sie sind ein Kinderschänder, ist Ihnen bewusst, dass Sie ein ganzes Quartier beunruhigt haben?“
Das schien ihm egal zu sein, denn er nahm seinen Hamburger auf und aß weiter. Ich lief kurz um sein Auto und machte mit meinem Handy ein Foto von seinem Kennzeichen. Danach rief ich meinen Cousin auf dem Straßenverkehrsamt an, der mich schnell aufklärte... .
Stefan Del Fabro, 30. November 2010
